Expeditionen

Sie spricht mit mir …

Sie spricht mit mir ...

Nora Gomringer spricht mit mir. Sie erzählt mir von ihren Herausforderungen durch Corona, sie rezitiert Heinrich Heines Waldeinsamkeit für mich. Ich sitze ihr gegenüber, sie beugt sich vor, ich beuge mich vor, sie lehnt sich zurück, ich lehne mich zurück, schließe die Augen und höre ihre Rede, die sie natürlich nicht mir, sondern fast 150 Leuten hält.

Nora Gomringer sitzt in einem Zimmer wie wir alle in irgendeinem Zimmer sitzen, während der narrativa 2020, der ersten digitalen Autorenkonferenz von André Hilles Textmanufaktur. Wir sitzen vor Bildern, Büchern, Bordüren oder blanken Wänden, hinter Mikrofonen oder unter Headsets und immer vor Weitwinkel-Kameras, die mehr einfangen, als unsere Köpfe. Nora Gomringer weiß, wie man diese Weitwinkel-Perspektive nutzt: Zurücklehnen, vorbeugen, Augen auf, Stimme rauf, Blick senken, Stimme runter.

Natürlich wissen wir um die Fiktion der Projektion: „Der Bildausschnitt ist Lüge und Wahrheit zugleich“, sagt sie . „Ich bin Nora Gomringer und doch nur das Bild von mir.“

Digitales Erleben

Da entsteht ein ganz neues digitales Erlebnis, nicht nur durch Gomringers theatrales Talent. Denn alle Vortragenden erscheinen mir nah. Im Digitalen ist die Bühne abgeschafft, dieser Distanzelefant, der Gleichheit und Brüderlichkeit ins Gesicht trötet. Wer sich von den Teilnehmenden selbst äußert, sieht sein Konterfei mit den Moderatoren und dem Gast – und spürt gar nicht, dass 150 Leute zuschauen.

Ansonsten sind André und Gesa Hille zum Start jeder neuen Runde im Bild, manchmal Technik-Moderator Kai-Uwe Vogt, immer erst Moderatorin Judith Heitkamp und der Gast, bis Judith Heitkamp sich wegschaltet und nur noch der Redner, die Rednerin da ist, mit direktem Blick zu mir, zu uns allen, einzeln und daheim. Bei mir hat das eine ganz eigene Konzentration gefördert, die entgegen meiner Erwartung zweieinhalb Tage bis zum Schluss durchhielt.

Irritationen gegen die selbstverschuldete Gemütlichkeit

Als Amerikanistin hänge ich am Vortrag von Sebatian Domsch über aktuelle Tendenzen in der amerikanischen Literatur. Als Germanistin bin ich von Sascha Michels Ansatz über die Leseethik begeistert, der in Bezug zum „ironischen Framing“ fordert, Autor*innen sollten realistische Beschreibungen durchbrechen, Störungen und Irritationen einbauen, um die Lesenden aus ihrer selbstverschuldeten Gemütlichkeit zu holen.

Ich folge den Vorträgen vom Sofa aus, schließe die Augen und lass den Bildern zur Rede in mir freien Lauf. Oder ich sitze am Schreibtisch und schreib mit. Oder ich stell mein Pad in der Küche auf, koche und esse und verpasse kein Wort.

Ich höre Flüstern und Zischeln

Obwohl ich nicht gut höre, verstehe ich über Kopfhörer jedes Wort, dass von einer Bühne aus mich bestenfalls in Fragmenten erreicht hätte. Meine Ohren werden lebendig, erleben den Rhythmus von Flüstern und Zischeln, auch bei Susanne Tägder, Martina Lenz, Claas Greite und Markus Schneider, die in diesem Jahr die Lesung auf der narrativa gewannen. Ich höre alle Fragen und die Antworten der Lektoren und Agentinnen. Ich schließe die Augen und lasse Doris Dörrie zu mir sprechen.

Sie liest zum Abschluss der narrativa 2020 aus ihrem Kreativ-Schreiben-Bändchen „Lesen Schreiben Atmen“ (die Rezension findet ihr hier). Doris Dörrie, besser: ihr Bild vor mir, ermutigt mich, erzählt mir von ihrer Erfahrung. Und die Dozentin für Kreatives und Texten in mir jauchz zu ihrem Ratschlag für eine „Praxis des täglichen Assoziierens.“

„Eigentlich könnten wir es immer so halten“, sagt am Ende eine Teilnehmerin. Natürlich fehlt das persönliche Gespräch, fehlt es, beim Wein zu theoretisieren. Dafür gab es die virtuellen „Stehtische“, in denen sich Menschen digital zusammenwürfeln ließen. Da komme ich mit Leuten ins Gespräch, mit denen ich auf der physischen narrativa nicht gesprochen hätte. Das fand ich bereichernd.

 
 
Strahlende Briefmarkensammlung

Am Ende der narrativa 2020 dürfen sich alle zuschalten lassen, die aufs Gruppenbild mit Dame Doris Dörrie möchten. Eine Wohnzimmereinblendung nach der anderen folgt, die Bilder schrumpfen auf meinem Bildschirm zu Briefmarkengröße. Ein Strahlen geht von dieser Briefmarkensammlung aus, Begeisterung und Energie. Wir sind alle groggy, vor allem das Team um André und Gesa Hille, das das digitale Event durch ihre Erreichbarkeit in den Chats, den „F&A“ und auf Slack perfekt begleitete. Diese Energie nehme ich mit. Die war greifbar, trotz Distanz. Da geht was digital, was ich bislang bei eigenen Seminaren schon erlebt hatte – aber doch noch nicht auf einer Konferenz. Und noch etwas Tolles: Alle Vorträge können wir uns digital noch mal anschauen.

Die Autorin

Christina Denz ist Journalistin, Schreibpädagogin, Dozentin und Initiatorin von Polgygonar, dem Online-Angebot für Web-Aktive. Außerdem betreibt sie den Garten-Blog Arcadia Revisited. Mehr Infos unter denz-berlin.de.

2 Gedanken zu „Sie spricht mit mir …

  1. Vielen Dank für diese Rückschau! Genau so hab‘ ich’s auch empfunden. Sehr lebendig und inhaltlich hab‘ ich vielleicht mehr mitgenommen als aus dem klassischen Saal. Bis zum nächsten Mal!

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