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Trau Dich zu fragen

Doris Dörrie stellt in „Leben. Schreiben. Atmen.“ Fragen an das eigene Leben und das ihrer Leserschaft. In unseren eigenen Antworten über unsere Vergangenheit können wir einen Schatz an Themen und Idee für gegenwärtiges Erzählen heben.

Die Schatzkiste öffnen

Seit 30 Jahren lebe ich in Berlin. Ich kam drei Monate vor dem Mauerfall. Die Feiern zu 30 Jahren friedlicher Revolution lösten in mir einen Strom innerer Bilder über meine erste Zeit in Berlin aus. Menschen, Freunde, Ereignisse – alle und alles zog noch einmal an mir vorbei. Da kam die „Einladung zum Schreiben“ von Doris Dörrie gerade recht.

In dem Bändchen stellt Doris Dörrie vor allem Fragen – an sich selbst und an uns.  Dabei will sie „gar nicht besonders toll, inspiriert oder orginell sein“, sondern „die eigene Schatzkiste öffnen, Erinnerungen herausholen, sie ans Tageslicht bringen, abstauben und betrachten“. Dabei nimmt sie uns mit in ihr Leben, in die Kindheit, das erste Verliebtsein, in Hoffnungen und Trauer.

Alles kann zum Schreiben inspirieren. Alles an das eigene Leben erinnern.  (…) In den verzweigten Stollen der eigenen Erinnerung graben, kratzen, schürfen: Manchmal findet man einen Goldnugget. Manchmal auch nur ein altes, vergammeltes Chicken-Nugget. Ich habe mal in einem Fastfooschuppen gearbeitet …

Doris Dörrie
Leben. Schreiben. Atmen. (S.13)

Trau Dich, Dich selbst zu befragen

Ich musste mich trauen, auf die Fragen einzugehen und auch die schmerzhaften Erinnerungen als wertvolle Teile meines Lebens zu begreifen. Harmlose Fragen etwa nach dem Essen in der Kindheit setzen etwas in Gang: War ich einsam als Kind, wollte ich eine andere sein? Wie lange hat es gedauert, bis ich zu der wurde, die ich heute bin? Wer war ich früher? Die Antworten schmerzen mit unter – aber sie klären auch.

Geh durch die Wohnung deiner Kindheit. Schau auf Deine Kinderfüße, als würdest du durch eine Kamera blicken. Folge deinen Füßen. tapptapptapp. Sins sie nackt? Haben sie Schuhe an? Sandalen? (…) Beschreib den Boden unter deinen Füßen. Geh in die verschiedenen Zimmer, (…) geh weiter, lass dich nicht unterbrechen, geh einfach weiter und schreib es auf.

Doris Dörrie
Leben. Schreiben. Atmen. (S.35)

Etwas beginnt, wenn wir Fragen an uns stellen. Szenen tauchen auf, Namen, Menschen, Gerüche, Ängste, Musik, Bilder. Ich begann mich wieder zu erinnern, mehr als mir anfangs lieb war. Aber wie viel wir abgespeichert und abrufbereit in uns tragen, wenn wir die Schatztruhe öffnen, verblüffte mich gleichsam. Immer wieder fallen mir Begebenheiten ein, an die ich Jahre nicht gedacht hatte.

Sich auf den Weg machen, jener Person zu begegnen, die wir einst waren, wird geradezu zur philosophischem Betrachtung über das eigene Selbstverständnis. Dabei schwingt für mich immer die Frage mit: Will ich die sein, die ich heute bin? Will ich leben, wie ich heute lebe? Es ist ein Formungsprozess, der dem Schreiben, zumal dem biografischen, inne wohnt.

Wir sind immer wieder andere, am Abend nicht die, die wir am Morgen waren. Aber wir können uns an die, die wir waren, erinnern. Der Kosmos von Eindrücken in unseren Gehirnen ist ein großer Schatz (und auch oft großer Mist, keine Frage). Ihn aufzuschreiben macht seltsam froh. Die Erinnerungen, die aufsteigen, sind unser Besitz.

Doris Dörrie
Leben. Schreiben. Atmen. (S.51)

Rechenschaft ablegen über meine Geschichte

Doris Dörrie hilft uns dabei, über unsere Gegenwart Rechenschaft abzulegen, in dem wir in die Vergangenheit eintauchen. „Schreib über ein Spiel“, „Schreib über Rüstungen die du angelegt und wieder abgelegt hast“, „Schreib über das erste Mal von irgendwas“, „Schreib über einen fremden Ort“, „Schreib über dein Elternhaus“, „Schreib über eine Prüfung, einen Test deines Charakters“: Immer tiefer führt sie uns in Fragen der eigenen Existenz, des Seins, der Selbstwahrnehmung. Haben wir etwas selbst erlebt oder es uns nur vorgestellt? Wer und wie war ich, wer bin ich?

Im Detail, dieser konkreten Erinnerung an einen Geruch, ein Musikstück und seine Bewegung, an Tanz oder den Geschmack von Tränen und Rotze als Kind: Darin liegt die Kraft, aus der Erinnerung neue Lebens-entwürfe zu formulieren, Geschichten, wie mein Leben hätte sein können, wie es war und wie es vielleicht sein wird.

Unsere Welt besteht aus Details, die wir zu Bildern und Empfindungen zusammenfügen. Das Detail ist göttlich, hat Vladmir Nabokov gesagt. (…) Steichle das göttliche Detail, kitzele es heraus. Im Detail liegt unser ganzes Leben verborgen, in der Beschwörung des Details große Kraft.

Doris Dörrie
Leben. Schreiben. Atmen. (S.159)

Erinnerung ist ein Akt der Selbstaneignung

In der Erinnerung vollzieht sich gleichsam eine Trennung von uns, die wir waren. Die Trennung, die Distanz, die wir uns erschreiben, ermöglicht uns, in der eigenen Geschichte die Möglichkeit der Fiktion zu erkennen. Unser Leben wird Fiktion, wird Geschichte – und war es womöglich längst, als wir dachten, dass es so gewesen sein muss.

Das sich selbst in eine Geschichte fügen, sich das eigene Leben umschreiben, ist ein Akt der Selbstaneignung von Welt. In dem wir unsere Geschichte aufschreiben, wird sie gleichsam zur Erzählung, zur Fiktion, zur Kurzgeschichte, einem Roman. Der Roman unseres Lebens schreiben – dabei hilft uns Doris Dörrie Schritt für Schritt. Sie eröffnet uns den Weg der Erkenntnis, auch wenn die Erkenntnis von Geschichte zu Geschichte anders aussehen mag. Sie hilft uns, uns  selbst zu hinterfragen, immer wieder neu, immer wieder anders.

Vielleicht hat meine Story keinerlei Wahrheitsgehalt, ich habe nur immer an sie geglaubt. Oder sie ist nicht mehr wahr, sie gilt nur noch für eine historische Person, aber nicht mehr für mich heute. Diese Story kann ich auch fallenlassen, ich kann mich von ihr lösen, sie umschreiben. Ich bin nun mal so. Nein, bin ich nicht. Aber ich erzähle es mir seit Jahren.

Doris Dörrie
Leben. Schreiben. Atmen. (S.170)

Meine Empfehlung

5/5

„Leben. Schreiben. Atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ von Doris Dörrie

Diogenes

18 Euro. Verlagsdirektbestellung über den Diogenes Verlag

Die Autorin

Christina Denz ist Journalistin, Text- und Kommunikationstrainerin und Initiatorin von Polgygonar, dem Online-Angebot für Blogger und Web-Aktive. Mehr Infos unter denz-berlin.de

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