Rettet das Elfchen! Was 11 Wörter alles können

Gestatten?
Ich, Elfchen
stelle mich vor
Amüsant, inspirierend, wortreich, Miniatur
Schreib-mich

Elfchen? Kennst du schon? Dann bist du nicht allein. Das 11chen – ein Kurzgedicht in elf Wörtern – ist wohl die bekannteste Kreativ-schreiben-Methode im deutschsprachigen Raum. Es wird in Grundschulen geschrieben, im Fremdsprachenunterricht eingesetzt, in Volkshochschulkursen vorgestellt.

Weil es so bekannt ist, könnte es einem mit dem Elfchen theoretisch langweilig werden. Aber nur theoretisch. Denn das Elfchen hat Superkräfte – und ist sehr wandelbar. Seit ich es vor 20 Jahren in meiner Ausbildung zur Poesiepädagogin am Institut für kreatives Schreiben in Berlin kennengelernt habe, setze ich es in immer wieder anderen Varianten ein. Doch zunächst einmal:

Das “klassische” Elfchen:

1. Zeile: 1 Wort – Eigenschaftswort – eine Farbe oder eine Form
2. Zeile: 2 Wörter – Etwas, das diese Farbe/Form hat
3. Zeile: 3 Wörter – Wo befindet es sich?
4. Zeile: 4 Wörter – Frei weitererzählen
5. Zeile: 1 Wort – Abschluss/Ausruf/Pointe

Ein Beispiel dafür:

Orange
das Schloss
weit im Norden
leuchtet inmitten der Weiße
Kontrast

So eignet sich das Elfchen als einfache und übersichtliche Methode zum Kennenlernen des kreativen Schreibens, zum „Ankommen“ in einer Schreibwerkstatt, zum Warmschreiben und dazu, die ersten Worte zu finden. Außerdem lässt es sich nicht nur allein schreiben, sondern auch in der Gruppe, indem die Blätter für jede Zeile weitergehen.

Das Elfchen als Rätsel

Aber das Elfchen kann nicht nur klassisch. Nur eine kleine Änderung in der Aufgabenstellung und schon wird es zum Rätselelfchen. Zum Beispiel dafür, sich über eine Lieblingsstadt vorzustellen.

Das Rätsel-Elfchen

1. Zeile: 1 Wort – ein Eigenschaftswort zu einer Lieblingsstadt
2. Zeile: 2 Wörter – etwas zur Stadt benennen, aber nicht den Namen
3. Zeile: 3 Wörter – Worin zeigt sich die Eigenschaft?
4. Zeile: 4 Wörter – frei weitererzählen
5. Zeile: 5 Wörter – Abschluss/Ausruf/Pointe

Am Beispiel:

Verspielt
die Stadt-am-Meer
lauter bunte Figuren
eine nie vollendete Kirche
Erraten?

Elfchen zur Figurenentwicklung

Geschichten entwickeln, das kann das Elfchen übrigens auch. In seiner komprimierten Form eignet es sich gut, um eine Figur oder eine Geschichte anzudenken. Und später entsteht halt mehr daraus.

Das Geschichten-Elfchen

1. Zeile: 1 Wort – ein Eigenschaftswort zur Figur
2. Zeile: 2 Wörter – die Figur benennen
3. Zeile: 3 Wörter – Worin zeigt sich diese Eigenschaft?
4. Zeile: 4 Wörter – ein Hindernis, eine Herausforderung für die Figur
5. Zeile: 1 Wort – Fazit oder Ausruf

Im Beispiel:

Sorglos
die Susi
fährt einfach los
an der Tankstelle ohne Geld
Augenklimpern

Wie läuft es gerade?

Was das Elfchen auch gern macht: Einfach mal reinfühlen. Wie geht’s uns und unserer Motivation gerade? Sind wir gut drauf oder steht uns irgendetwas im Weg? Und zum Beispiel auch: Wie kommen wir mit unseren Schreibprojekten voran?

Das Moment-Elfchen

1. Zeile: 1 Wort – ein Eigenschaftswort: Wie geht es dir? Allgemein oder ein bestimmtes Vorhaben
2. Zeile: 2 Wörter – sich selbst oder das Vorhaben benennen
3. Zeile: 3 Wörter – Worin zeigt sich das Gefühl?
4. Zeile: 4 Wörter – frei weitererzählen
5. Zeile: 1 Wort – Fazit oder Ausruf

Als Beispiel:

Gespannt
Mein Schreib-Ich
Ein neuer Stoff
Wo wird es hingehen?
Anfangslust

Als Stimmungselfchen bietet sich das Elfchen zum Beispiel im Selbstcoaching an. Oder auch überall anders, wo es darum geht, mitzubekommen, was gerade mit uns los ist.

Elfchen, Zwölfchen oder Zehnchen?

„Schreib-mich“ als ein Wort in der letzten Zeile bei meinem ersten Elfchen? Ist das jetzt ein Wort oder anderthalb oder zwei? Das Elfchen darf das. Es darf auch zehn oder zwölf oder dreizehn Wörter kurz sein.

Für mich sind Schreibimpulse im kreativen Schreiben “nur” Orientierungshilfen. Wenn also ein Elfchen in einer Zeile vier statt drei Wörter haben will, dann wird aus dem Elfchen eben ein Zwölfchen. So stelle ich mit meinen Hinweisen zum Elfchen immer auch gleich mein Grundverständnis zur Offenheit im kreativen Schreiben vor. Falsch machen gibt’s nicht und ein Thema verfehlen lässt es sich auch nicht.

Kaum kommt eine neue Werkstatt oder ein Kurs – schon überlege ich, ob ich nicht vielleicht eine neue Elfchen-Art dort einbringen könnte. Denn Elfchen schreiben kann sehr glücklich machen.  

Also zum Abschluss noch eins:  

Puh
Sage ich
So viele Elfchen
Und bin doch beglückt
Vielfalt!

 

Die Autorin

Sigrid Varduhn ist Geschichten-Anstifterin. Ihre Schreibwerkstätten finden in Caputh, Potsdam, Berlin und online statt. Infos unter erzaehlschreiben

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