ExpeditionenSurvival Methods

Wörter zählen und Motivation finden

Ein Gespräch über den NaNoWriMo

Der National Novel Writing Month – kurz: NaNoWriMo – lädt seit 1999 begeisterte Schreiber*innen weltweit ein, im November eine Geschichte über 50.000 Wörter zu schreiben. Über ihre Erfahrungen beim NaNoWriMo 2020 unterhielten sich Kirsten Jenne und Christina Denz.

Hallo Kirsten, Du hast das erste Mal am NaNoWriMo teilgenommen. Wie hat sich der Start für Dich am 1. November angefühlt?

Irgendwie hatte sich bei mir der 2. November als Startpunkt festgesetzt, weil ich an dem Tag abends an einem „Write-In“ teilnehmen wollte. Davor war ich ganz aufgeregt. Aber die 50.000 Wörter hatte ich nie als Ziel. Statt dessen hab ich überlegt, ob 500 Wörter am Tag für mich realistisch wären. Und dann habe ich gleich auf einen Schlag 600 Wörter geschrieben. Da war ich natürlich hochmotiviert.

Und wie ist es Dir ergangen, Christina? Du hast ja schon häufiger teilgenommen. Welche Erfahrungen hast Du aus den Vorjahren mitgenommen?

Tatsächlich war das mein siebter NaNoWriMo und der vierte, bei dem ich 50.000 Wörter geschafft habe. Ein einziges Mal überlegte ich mir vorher Kernplot und Grundstruktur. Da kam aus meiner Sicht auch eine gute Geschichte heraus. Aber am schönsten ist es für mich, am 1. November anzufangen, nach einem Stoff zu suchen. Wenn sich der Haken verfängt, verfolge ich die Idee – mit abstrusen Wendungen, peinlichen Szenen und grandiosen Einfällen, von denen ich mich selbst frage, woher sie kommen. Das ist das tolle für mich am NaNoWriMo: Vier Wochen lang der Fantasie freien Lauf zu lassen, mich auf eine Expedition zu geben, von der ich den Ausgang nicht kenne. Also Kreatives Schreiben at it’s best. Da zählt am Ende keine Erfahrung – außer, dass mir dieses Verfahren Spaß macht.

Was hat Dich, Kirsten, den November über motiviert?

Ich bin ja von vornherein mit dem Ziel an den Start gegangen, mit meinem laufenden Projekt vorankommen. Die Geschichte habe ich schon lange im Kopf, aber zu einem viel zu geringen Teil auf dem Papier und im Computer. Insofern werte ich meine Teilnahme mit nur 17.000 Wörtern als vollen Erfolg. So viel habe ich noch nie am Stück geschrieben und ich freue mich über jede einzelne Szene, die dabei herausgekommen ist. Dabei war das Gefühl „Ich-weiß-zwar-nicht-was-ich-schreiben-will-aber-ich-fang-mal-an“ immer vorhanden. Da konnte ich mich selbst noch überraschen.

NaNoWriMo
Der NaNoWriMo wird von vielen Ehrenamtlichen organisiert. Wer sich anmeldet, kann über das ganze Jahr hinweg auf der Website Schreib-Inspiration und -Motivation finden.
Wie wirkt sich Deine NaNoWriMo-Erfahrung auf deine Schreibmotivation nach dem Wettbewerb aus, Christina? Zählst Du in der übrigen Zeit Deine geschriebenen Wörter?

Der NaNoWriMo ist für mich in erster Linie ein Spiel, ein Schreibspiel mit Motivation. Aber wenn das Schreibspiel am 30. November vorbei ist, hält bei mir die Motivation nicht wirklich an. Allerdings lese ich nach zwei bis drei Jahren die Texte noch mal und schaue, ob der Stoff eine Überarbeitung wert ist. Ansonsten zähle ich keine Wörter. Was aus dem Stoff wird – ein Roman, eine Novelle, eine Kurzgeschichte, ein Theaterstück – zeigt sich mir erst bei der Überarbeitung. Und wenn mein Romanvorhaben nach 100 Seiten auserzählt ist, dann ist es so. Aber beim NaNoWriMo ist das Zählen für mich schon eine Motivation. Vor allem die letzten Tage vor dem Schluss bin ich nahezu euphorisch, dass ich es vielleicht doch noch schaffe.

Wie fandest Du denn das Wörterzählen, Kirsten?

Ich fand’s lustig, dass ich teilweise rückwärts unterwegs war. Denn ich schreibe nicht chronologisch und musste immer mal wieder Textteile meines laufenden Projekts miteinander verbinden und dafür auch mal etwas löschen. Da hatte ich zwar am Ende eines Tages viele Wörter geschrieben, aber die Gesamtzahlt stieg nicht mit. Trotzdem fand ich es auch ganz animieren. Man kann sich ja auf der Website vom NaNoWriMo auch danach immer wieder neue Ziele setzen, um das Zählen als Motiviation weiter zu nutzen. Vielleicht mache ich das mal.

Und woher nimmst Du sonst, also jenseits des NaNoWriMo, Deine Motivation zum Schreiben, Christina?

Ich gebe zu, dass das für mich wirklich ein Problem ist. Der Austausch mit anderen hilft mir sehr, aber dann kommen Aufträge, Aufgaben und Jobs dazwischen – und schon bin ich weit weg von meinen Figuren und Orten. Um wieder reinzukommen, muss ich erst wieder dorthin reisen. Da wächst die Hürde jedes Mal aufs neue.

Und wie kommst Du jetzt - nach dem NaNoWriMo - mit Deinem laufenden Schreibprojekt voran?

Ich merke, dass ich ziemlich viel Motivation von außen brauche. Verabredungen zum gemeinsamen Schreiben, Textdiskussionen und -feedback – das hilft mir, und das habe ich mir mittlerweile auch gut organisiert. So hält sich bei mir die Motivation vielleicht etwas länger. Was ich allerdings aus dem NaNoWriMo mitnehme, ist die Erkenntnis, dass ich wirklich für mich geschrieben habe, nicht für eine Gruppe oder einen Termin, nach dem Motto: „Wir treffen uns nächste Woche, ich muss noch schnell ein paar Seiten produzieren.“ Im November war ich wirklich auf mein Projekt konzentriert.

 

Im Gespräch waren

Kirsten Jenne

Kirsten Jenne ist Diplom-Pädagogin und Schreibpädagogin. Neben Beratungen zur Berufs- und Studienorientierung bietet sie u.a. Workshops und Coachings zum wissenschaftlichen und kreativem Schrei-ben über kirstenjenne.de an.

und

Christina Denz

Christina ist Journalistin, Schreib-pädagogin, Dozentin und Initiatorin von Polgygonar, dem Content-Seminar. Außerdem betreibt sie den Garten-Blog Arcadia Revisited. Mehr Infos unter denz-berlin.de.

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