Survival Methods

Dschungel-Improvisation

Die Methode

Bearbeitung einer literarischen Vorlage

Wähle eine Text-Vorlage: Einen Absatz aus einem Roman, Songzeilen, ein Gedicht. Schreibe die Vorlage um, in dem du

  • die Athmosphäre änderst
  • das Genre änderst
  • die Erzählperspektive änderst
  • den Text verdichtest
  • rapst oder zu einer
  • Komödie umformst

Um dein Gehör für Rhythmen, Sounds und Wortklänge zu trainieren, kannst Du die ausgewählte Textpassage mit

  • Anglizismen spicken
  • ins Englische in deutscher Lautschrift übersetzen
  • die Klänge alphabetisch ordnen und danach neu zusammensetzen

„The jungle line“ ist ein Song von Joni Mitchell. „Rousseau walks on trumpet paths. Safaris to the heart of all that jazz.“

Jazz und Jungle Writing liegen nahe beieinander. Denn im Jazz passiert, was auch beim Kreativen Schreiben möglich ist: Improvisation. Wenn wir den Spannungsbogen über Sinneinheiten hinweg treiben, den Strom des Gedankenflusses entlang rasen, dagegen anrudern und doch schließlich den Wasserfall herunterdonnern, phrasierend, was strudelmäßig Sinn macht – dann ist das Improvisation. Wie in der Musik basiert die Text-Improvisation auf Ausgangsmaterial.  Und wie in der Musik, können wir im Schreiben Improvisation üben.
 
Meine Lieblingsübung dazu: BEARBEITUNG EINER LITERARISCHEN VORLAGE. Mein eigenes Beispiel stammt aus Raymond Chandlers „The Big Sleep“. Wenn Du gleich meine Schluss-Improvisation lesen möchtest, kannst Du nach dem Original direkt ans Ende der Seite springen. Ansonsten kannst Du hier Schritt für Schritt sehen, wie ich dahin kam.

Das Original

The air was thick, wet and larded with the cloying smell of tropical orchids in bloom. The glass walls and roof were heavily misted and big drops of moisture spashed down on the plants. The light had an unreal greenish colour, like light filtered through an aquarium tank. The plants filled the place, a forest of them, with nasty meaty leaves and stalks like the newly washed fingers of dead men. They smelled as overpowering as boiling alcohol under a blanket. The buttler did his best to get me through without being smacked in the face by the sodden leaves, and after a while we came to a clearing in the middle of the jungle, under the domed roof. Here, in a space of hexagonal flags, an old red Türkish rug was laid down and on the rug was a wheelchair, and in the wheelchair an old and obiously dying man watched us come with black eyes from which all fire had died long ago (…). The old man didn’t move oer speak, or even nod. He just looked at me lifelessly (…). Then he dragged his voice up from the bottom of a well and said: „Brandy, Norris. How do you like your brandy sir?“ „Anyway at all“, I said.
 

Atmosphäre ändern

Die Luft war kalt, trocken und von einer winterlichen Klarheit erfüllt. Die gläsernen Wände und das Dach waren blank geputzt, kein Staubkorn, nirgends. Die ersten Sonnenstrahlen des Jahres brannten durch die Scheiben wie radioaktives Licht, das erbarmunglos alles Leben niedersticht. Kaum ein Möbelstück war im Raum, nur ein Sideboard an der weißen Stirnwand, ein Sessel, ein Teppich. Es roch antiseptisch. Der Hausherr führte mich zum Sessel in die Mitte des Raumes, der auf einem schwarzen Teppich stand, darauf kaum sichtbar helle Härchen. Auf dem Sessel lag eine junge Katze, die uns neugierig ansah. Ihre grünen Augen funkelten. Dann sprach der Hausherr mit gebrochener Stimme. „Sie oder das Asthmaspray.“ „Okay“, sagte ich.  „Wir nehmen sie mit“.

Genre ändern: Melodram

Die warme Luft war erfüllt vom Duft tropischer Blüten. Er folgte ihr durch die Halle, deren Fenster von roséfarbenem und rotem Damast verhüllt waren. Das Licht tauchte ihren Körper in eine Wolke aus Purpur und Samt, auf der sie durch die blumenbewachsenen Räume zu schweben schienen. Er hörte ihr Lachen, seidige Stoffe umspielten seine Arme und Lenden. Er war ganz betört von den Gerüchen der Blüten, der tropischen Hitze. Schweißperlen des Begehrens tropften aus seinem Haar. Sie eilte ihm voraus, mit leichten Schritten, bahnte ihm den Weg durch die fremde und ihn mit so viel Glück erfüllenden Welt, in der alle Sinnlichkeiten nach ihm griffen. Dann öffnete sie eine Tür  und als er hinter ihr stehen blieb, sah er in einen lichten Raum. Ganz nah war er ihr jetzt, spürte ihren Atem, den bebenden Busen, strich über den zarten Flaum ihrer Rückenhärchen. Sie wandte sich mit sehnsuchtsvollem Blick ihm zu. In der Mitte des Raumes, der von hellen Stoffen und süßen Düften erfüllt war, sah er am Boden eine Bettstatt, seidene Kissen. Schon sank sie nieder, ihre Augen – zwei Seen, ihr Körper schlank und fest. Er hörte ihre Stimme, ein zartes Klingen wie aus fernen Zeiten. „Komm, Geliebter“, hauchte sie. „Wie immer Du es willst“, entgegnete er.

Verdichten

Hitze lässt den Dschungel schmilzen,
Luft schwanger vom Schweiß der Lilien,
durch Tropen, Wald und Missetat,
bis zur Lichtung, doch ach –
Licht täucht, es wartet Tod,
lang bevor der Mensch vergeht.

Stil ändern: Jungendsprache - gerapt

Mann, überall glitschiges Grün, fetter Farn,
voll grass, ey, Haare nass, Mann, grass,
ich kann’s nicht fassen.
So’n Typ mit Krawatte,
Blätter ständich in der Fresse,
immer vor mir,
Scheiße, wie der aussieht, Mann.

Und dann der Alte da, ey, voll Gerippe,
so’n toter Blick, voll krank, fette Grippe.
Echt grass, mit’m Teppich und so.
Bin froh,
dass ich kein Inder bin, ey,
der stiert Dich an, Mann,
So’n hohler Blick,
kriegt voll den Kick,
Aber ich bleib cool,
sonst verschwitz ich den Stuhl.
Ey.

Komödie (zum Klimawandel)

Erster Akt

Erster Aufzug: Der Detektiv betritt die feudale Halle. Er schaut sich um. Ein Butler kommt ihm entgegen:

Butler:         Sir, Sie werden erwartet, Sir. Sir, lassen Sie uns gleich gehen, damit wir zur Mittagszeit ankommen.

Detektiv:     Wie weit ist es?

Butler:         Nun, durch die Halle, den Gang entlang zur mitteleuropäischen Pflanzenwelt, dann durch den mediteranen Blüten-Traum hinüber zur Kakteen-Wüste und quer durchs Subtropische. Wir sollten uns beeilen.

Zweiter Aufzug: Sie erreichen das Gewächshaus der Subtropen. Die Scheiben sind beschlagen, von den Wänden tropft es.

Detektiv:       Wovon ernähren sich diese gelblichen, beutelartigen Pflanzen dort (er streckt den Finger aus und kitzelt die Pflanze)

Butler:           Von Fingern.

Zweiter Akt

Erster Aufzug: Der Butler schiebt eine Glastür zur Seite. Sie treten in einen hohen Raum. Die Temperatur steigt noch einmal um zehn, gefühlt 20 Grad, die Luftfeutigkeit erreicht 100, gefühlt 182 Prozent.

Butler:           Dort in der Mitte sitzt er, aber passen Sie auf, dass sie nicht ausrutschen.

Detektiv:       Warum ist es hier so heiß und feucht?

Butler:           Er nennt es tropisches Klima. Es bringt jeden zum Schwitzen.

Detektiv:       Ist das eine Strategie?

Butler:           Nein, das ist Misantropie!

Zweiter Aufzug: Der Detektiv steht dem Earl gegenüber

Detektiv:       Sir, Sie ließen mich rufen?

Earl:              Und Sie haben mich erhört. Nehmen sie Platz.

Er deutet mit zittriger Hand auf einen Plastikstuhl. Der Detektiv setzt sich und spürt, wie seine Hose sofort am Hintern klebt.

Earl:              Ist ihnen heiß?

Detektiv:      Nein, äh, nein, Sir, ich bin nur nicht den raschen Klimawandel gewöhnt.

Earl:              Dann nehmen sie einen Brandy. Er tötet Irritationen und wärmt.

Dritter Akt

Der Earl und der Detektiv trinken ihren achten Brandy. Der Detektiv schielt.

Detektiv:       (lallt) Ich llliebe Brandyyyy in alllllen Varrrririri-Aktionen.

Earl:              Ich weiß. Ich wollte sehen, wieviel sie in dem Klima vertragen. Zu meiner Zufriedenheit sehe ich, dass Sie ein standhafter Mann sind.

Der Detektiv rutscht vom Stuhl und schläft auf der Stelle ein.

Vorhang.

Klang-Bearbeitung: Anglizismen

Es war really hot, you know. Die Luft war pretty steamy, es roch nach tropical orchids. Die Wände aus Glas und das Dach waren richtig heavily mit Feuchtigkeit überzogen, große Tropfen fielen von den Pflanzen, splash, splash. Das Licht hatte eine total irreale colour, richtig greenish,  really. Wie Licht, dass durch ein aquarium tank fällt. Crazy. Die Pflanzen erfüllten den palace, ein ganzer forest sozusagen, dicke Blätter überall, nasty meaty leaves, und Wurzeln, wie gerade gewaschene Finger, like fingers. Es roch unerträglich wie nach überkochendem Alkohol, under a blanket, diese alten Decken, disgusting. Der Butler did his best, damit ich diese Blätter nicht ins Gesicht bekam, but they smacked me, baby! Schließlich kamen wir zu einer offenen Stelle in the middle of the jungle, ein Teppich, ein wheel chair, und darin der alte Mann, obviously dying, really! Er sah mich aus schwarzen Augen an, all fire gone, man. Aber der konnte noch starren! I tell you! Er sagte nichts, no move. Er sah mich bloß an, livelessly, believe me, nearly dead. Dann presste er seine Stimme von unten nach oben, from the bottom of a well und sagte: „Brandy, Norris.“ Und zu mir, he talked to me, really. Und sagte: „Wie möchten Sie ihren Brandy?“ Und ich sagte: „Is mir egal …..“ – Nein: Das sagte ich nicht. Ich sagte: „Any way at all.“ Das klingt more sophisticated.

Klangbearbeitung: Klang-Übersetzung

Si är wos sick, wet, stiemi änd larded wis se kleuing smell of tropikal orkids in blum. Se glass wols änd ruf wer hävili misted änd big drops of meustjer splächd daun on se plänts. Se leit häd en anriel grienich color, leik leit filterd sru en äquerium tänk. Se plänts filld se pleyß, e forest of sem wis nasti mieti liefs änd stoks leik se njuli woschd fingers of ded men. Sei smelld äs overpauring äs beuling alcohol ander e blänket. Se batler did his best tu get mi sru wisaut biing smäckt in se feyß bei se sodden liefs, änd after e weil wi keem tu e kliering in se middel of se dschangel, ander se domd ruf. Hier, in e speyß of hexegonel flägs, en old red Törkich rag wos leyd daun änd on se rag wos e wiel chär, änd in se wiel chär en old änd obviusli deiing män wodschd as kom wis bläk eis from witch oll feier hed deid long ego. Se old män didnt muv or spiek, or iewen nod. Hi tschast lukd ät mi leiflessli. Sen hi drägt his voiß ap from se bottem of e well änd säd: „Brendi, Norris . Hau du ju leik jur brendi, sör?“ „Äni wei ät ol,“ ei säd.

 

Klang-Ordnung

ander after alcohol ander anriel ap as batler dschangel glass larded nasti rag rag tschast änd änd änd änd änd änd änd änd änd Äni äquerium Är äs äs ät ät bläk blänket chär chär

drägt flägs häd hävili män män plänts plänts säd säd smäckt splächd tänk daun daun Hau e e e e e e e ego en en en en best Brendi brendi ded get hed hexegonel men red se Se Se Se Se  se se se se se se se se se se se se sem Sen smell smelld well wer wet ei eis bei deid deiing feier keem leiflessli leik leik leik leit lei Seit wei weil feyß leyd pleyß speyß in in in in in iewen big biing did didnt filld filterd fingers grienich Hi hi Hier his his kliering liefs liefs mi mi middel misted mieti Si sick spiek stiemi wi wiel wiel wis wis wis wisaut witch

obviusli

of of of of of of of ol old old old oll on on or or orkids overpauring bottem color domd drops forest from from kom long nod Norris sodden stoks tropikal  wols wos wos wos woschd wodschd voiß sör Törkich beuling kleuing meustjer du blum ju jur lukd muv njuli ruf ruf sru sru tu tu ,,,,,,,,,,,,,………..:““““ ?

Klang-Neuordnung

Woschd fingers filld wis mieti spiek from Norris, his Törkich liefs leik sodden stoks. ei leik drops of sör beuling or grienich witch wis stiemi wis in his misted iewen. Seit speyß mi get in se middel, ju muv tu se blum. “ Wos jur meustjer sru tu orkids forest long ego ?“ “ eis domd nod,“ hi säd. änd from säd smäckt splächd tänk, en Brendi smelld well änd män. ded hexegonel leit lei leyd änd pleyß of tropikal voiß. e big biing liefs mi sick in Hier. obviusli, e smell plänts sru. of oll color kom old  wodschd en wet, änd Äni after leiflessli ander dschangel, chär brendi wi red men. se Sen. änd se keem, se Se änd se wei, kliering ät blänket änd äquerium flägs. Se hävili män plänts e Hau, best äs se feier wisaut. Hi deid äs e batler ap anriel as glass, änd hed ol se rag ander rag se wer tschas. en bei häd drägt daun (und vorbei drängt sich ??), weil feyß se leik daun: se deiing ät bläk chär wiel Är nasti sem. of old alcohol, of wols or wos on, overpauring old  bottem on kleuing of wos. in  filterd Si wiel se Se larded änd e en Se in did e se didnt e lukd. of du njuli ruf, ruf.

Schlusstext: Die klangliche Neuübersetzung

Wurst-Finger gefüllt mit fleischigem Speck von Norris, dessen türkischer Glaube plötzlich ins Stocken gerät. Ich mag Drops aus sauren Beulen oder grünliche Hexen, mit dampfendem Weizen in ihren feuchten Händen. Seit mir Speiks in die Mitte gerieten, zogst Du zu den Blumen. „War Dein Meister vor langer Zeit bereit für Orchideen-Wälder?“ „Ich denken nicht“, sagte er. Und von diesem traurigen hingeschmatzten, geplatschen Tank, roch Brendi wie ein guter Mann. Die Hexen-Leute leihen und freien tropische Stimmen. Ein großes Etwas lässt mich hier krank zurück. Offensichtlich dringt der Geruch durch. Von all den Farben wird die alte Wurst ganz nass und jeder After hängt leblos im Dschungel, teuerster Brendi, der ihr ausseht wie ein roter Mann. Der Senior und sein Kahn, rollen eine Decke und Aquarien-Flaggen am See und am Weiher aus. Der schwere Mann pflanzt ein Haus, das für versaute Feiern geeignet ist. Er starb wie ein Bettler, so unreal wie Glas, und hat Rage um Rage verscharrt. Vorbeigedrängt hatte er sich nach unten, weil seine Füße ihn nach unten zogen: Sein Sterben auf einem schwarzen Stuhl wird die Luft verpesten. Von altem Alkohol, von Wolle oder was auch immer, übertriebene alte Hintern halten an was auch immer fest. Im gefilterten Siel will sie sich entladen und als sie es getan hat sah sie nicht besser aus. Aber Du, Neuer, rufe, rufe …

Die Autorin

Christina Denz ist Journalistin, Text- und Kommunikationstrainerin und Initiatorin von Polgygonar, dem Online-Angebot für Blogger und Web-Aktive.

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